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HomeOffice und Corona: Schadet es der Kreativität der Architekten?

von | 22. Apr. 2020

Corona kann viele langfristige gesellschaftliche Auswirkungen haben. Es kann die Weltwirtschaft verändern, die Globalisierung wieder ein Stück zurückfahren und zum Beispiel dafür sorgen, dass in neun Monaten plötzlich die Geburtenrate in die Höhe schnellt. Analysten und Zukunftsforscher können sich prognostisch jetzt so „richtig austoben“.

Wird es eine „Corona-Architektur“ geben?

Wird Corona auch Folgen für die gebaute Umwelt, für die Architektur zeitigen? Wird man da irgendwann das Corona-Zeitalter erkennen? Zum Beispiel, weil das weit verbreitete Homeoffice dafür verantwortlich war, dass Architekten die Kreativität abhanden gekommen ist?

Mit solchen und anderen – nicht ganz ernst gemeinten Gedanken – befasst sich der Münchner Architekt und Hochschullehrer Roman Leonhartsberger von pan m Architekten in seiner täglichen Kolumne auf New Monday über die besonderen Herausforderungen in Homeoffice-Zeiten . Er schreibt ein höchst vergnügliches Homeoffice-Tagebuch „Berichte eines Home-Officers

Ein Kollege macht den Selbstversuch  und lässt die Öffentlichkeit daran teilhaben

Während sich der Blick von Leonhartsberger in den ersten acht Tagebucheinträgen noch vorwiegend auf allgemeine, private und büro-organisatorische Dinge im Homeoffice richtet, wechselt er ab da zunehmend den Fokus auf die eigene Arbeit. Wie verändert Homeoffice sein Tun? Seine Art, an Dinge, Projekte heranzugehen?  Ist man im Homeoffice weniger kreativ?

An Tag 9 schreibt Leonhartsberger zum Beispiel über das Thema Ordnung: „ Völlig egal, es betrifft einen ja nur noch selbst und weil mein Schreibtisch immer schon relativ ordentlich war (wenn auch chaotisch), sehe ich mich da entbunden. Pünktlichkeit: interessantes Thema. Pünktlichkeit ist ein flexibler und höchst kulturell geprägter Wert. Außerdem ist auch noch wichtig, wer sich mit wem trifft: Der Chef darf sich mehr verspäten als der Praktikant. Was bedeutet es nun, wenn sich niemand mehr trifft? Steigert sich gegenläufig die Notwendigkeit vereinbarte Deadlines und Videocall-Zeiten einzuhalten? Oder gerät alles ins Rutschen? Generell versuche ich pünktlich zu sein (nicht zu sehr, um nicht überheblich zu erscheinen) und in Home-Office Zeiten erzeugt dies regelmäßig minutenlange Diskrepanzen. Auch technisch bedingt, denn einer wartet bis der oder die anderen sich in die Videokonferenz einklinken. Und da ich es hasse, von Anrufen aus der Arbeit gerissen zu werden, warte ich immer ein paar Minuten vor dem vereinbarten Termin. Die Stille im Arbeitszimmer, man kann den Eichhörnchen zusehen. Manche Schweizer Kollegen haben eine Tendenz 1-3 Minuten vor der vereinbarten Zeit anzuläuten. Andere lassen gern ein bisschen Luft. Ich habe dazu immer eine Tasse Tee da, friedliche Minuten, eine wirkliche Pause. Gar nicht so schlecht. Noch mal kurz checken: Habe ich mich heute Morgen angezogen?“

Homeoffice und Kulturkrise

An Tag 12 wendet sich Leonhartsberger dann endgültig dem Thema „Homeoffice und Kulturkrise“ zu. Denn die betrifft auch die planenden Berufe: „Im Arbeitsalltag ist es eine Herausforderung zu vermeiden, dass die Krise, zu sehr das Bewusstsein bestimmt. Man läuft Gefahr, erst spät zu erkennen, dass dieses Denken beginnt, den freien Blick zu verstellen, nicht unbedingt zu kreativer Offenheit beiträgt und allgemein eine problematische Brille ist, die Welt zu betrachten. Um so wichtiger wird es, die Kultur der Zusammenarbeit, des Miteinanders, der Anteilnahme und des Austauschs soweit möglich vom heimischen Arbeitsplatz aus zu pflegen. Dazu gehört sich gegenseitig zum Experimentieren zu ermuntern, sich zu versichern, dass Ergebnisse nur unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes bewertet werden und, vielleicht am wichtigsten, Kollegen und Mitarbeitern ein allgemeines partnerschaftliches Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Ohne das ist es unmöglich ist neue Ansätze und das freie Arbeiten zu entwickeln. Zusammenarbeit im Weiteren und Architektur- und Raumproduktion im engeren Sinne sind schwer denkbar ohne Risikobereitschaft, Experimentierfreude und Neugier, Werte, denen Sicherheitsdenken und Furcht entgegenstehen.

„It’s the creativity, stupid!“

An Tag 13 „It’s the creativity, stupid!“ geht es dann ans Eingemachte; „Architekturproduktion und Kreativität – ein altbekanntes Streitthema. Manche behaupten ja, die Arbeit an den Häusern, der Stadt und ihren Räumen hätte mehr mit Wissen, Interpolation und Hermeneutik zu tun als mit wirklicher, intrinsischer Kreativität – kann schon sein. Ich halte mich da raus, aber in den (manchmal häufigeren, manchmal selteneren) Momenten, in denen man sich bei der Arbeit kreativ fühlt – manchmal auch einfach beim Schreibtischaufräumen – frage ich mich immer, was zu diesem kurzen Lichtblick in der Düsternis des Emailbeantwortens, Plänekorrigierens und Rechnungensortierens geführt hat. Antwort? Manchmal die eingehende, ernsthafte, fast unter Luftabschluss vorangetriebene Auseinandersetzung mit einem Thema. Ein andermal ein Spaziergang entlang einer unbekannten Straße, ein Sonnenaufgang über einer fremden Landschaft, ein plötzlicher Perspektivwechsel beim Blick aus dem Fenster.

Im Homeoffice bleibt die mönchisch-introvertierte Auseinandersetzung, behaftet mit allen Hindernissen in der Enge des trauten Heims – und der Blick aus dem Fenster. Nun geht mein Fenster auf den Hof, ein schöner Hof zweifellos mit vielen Eichhörnchen, welche den Balkon verwüsten, aber eben nur ein begrenzter Ausblick bis zu den Fenstern des Vorderhauses. Wenn ich meinem nach drei Wochen Homeoffice etwas eingerosteten Geist frische Eindrücke verschaffen möchte, muss ich hinaus auf die Straße. Da ist dann schon mehr los, mit etwas Glück, versucht der Paketdienst gerade verzweifelt umzukehren oder die Kids aus dem Nachbarhaus rauchen heimlich hinter dem Trafohäuschen. Wenn das zum Anregen der Hirnrinde noch nicht genügt, muss ich mein Viertel durchqueren, zum Fluss oder zum Park, kurz, eine weitere Schicht Gewohntes hinter mir lassen. Je weiter ich mich vom Epizentrum meines kleinen Schreibtisches entferne und je weiter ich dieses Schalenmodell des Gewohnten nach außen durchdringe, desto mehr hoffe ich, neue Eindrücke zu finden, die bei der Entwicklung neuer Ideen behilflich sein können.“

Wie sind Ihre Erfahrungen?

Wie erleben Sie Homeoffice in Ihrem Büro? Hemmt es Kreativität oder entzügelt es sie sogar, weil jeder „isoliert für sich so vor sich hin spinnen“ kann? Haber Sie feste Regeln, feste Zeiten für kreatives Arbeiten, entwerfen, zeichnen? Wie haben Sie die kreative Arbeit in Ihren Homeoffice-Büroworkflow eingebunden? Schreiben Sie an info@asekurado.de.

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